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DNJF Leipzig 2012
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Øivind HÃ¥nes: Petroleum (Auszug)

Alles ist hier – nur um einen Hauch verschoben. Flugzeuge hinterlassen weißgraue Streifen am Abendhimmel über den Fenstern meiner Dachwohnung, grüne Wellen pumpen Verkehr unten auf der Strasse, reifer Riesling funkelt vor mir auf dem Tisch im Glas, die Musik aus den schwarzen Lautsprechern ist kaum hörbar und auf einem Brett im Regal steht immer noch das Bild meines Bruders. Zwar ein bisschen verborgen hinter einem Stapel Bücher, aber immerhin – es ist da. Ab und zu war ich kurz davor, es wegzuräumen, das Bild aus dem billigen Rahmen zu nehmen und es irgendwo in den Tiefen der Einbauschränke mit den dünnen Eichentüren zu archivieren, die sich hier oben entlang der Wohnzimmerwand erstrecken. Manchmal habe ich seinen Anblick kaum ertragen. Dieses Gesicht erinnert an so viel Schreckliches. Enttäuschung, Verängstigung, Wut, Verzweiflung und Dunkelheit. Stumme Dunkelheit. Nicht wegwerfen, nur irgendwo hinstellen, wo es nicht mehr sichtbar ist. Aber nun ist es doch in der Ecke stehen geblieben.

Köln ist von allen Seiten von Flughäfen umgeben, und zu dieser Tageszeit, kurz bevor der Abend Dunkelheit über den Tag streut, wird der Himmel ein Meer aus Orange, Rosa, Blau und Grau. Ich habe oft daran gedacht, den Himmel mehrere Tage hintereinander zum gleichen Zeitpunkt durch das gleiche Fenster zu filmen, um herauszufinden, wie sich die Kombinationen aus Kondensstreifen von Tag zu Tag verändern, oder ob die Flugzeuge täglich die gleichen Routen fliegen oder sie justieren und improvisieren. Es ist unmöglich, sich daran zu erinnern, wie die Streifen gestern oder letzte Woche aussahen. Sie sehen immer ziemlich ähnlich aus und wahrscheinlich sind sie es auch, aber ganz identisch sind sie wohl nur selten. Verspätungen, vorgezogene Starts und andere unvorhergesehene Ereignisse würden das Muster radikal verändern. Vielleicht haben die Piloten sogar einen gewissen Spielraum. Würde ich eine Videokamera unter einem der Fenster aufstellen und von den Aktivitäten am Himmel eine drei- bis vierminütige Aufnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt an mehreren Tagen hintereinander machen, erhielte ich vielleicht einen besseren Einblick in die Geschehnisse, die sich dort oben abspielen. Doch es ist bei dem Gedanken geblieben.

Der Riesling vor mir auf dem Tisch ist sechs Jahre alt: eine Brauneberger Juffer-Sonnenuhr Spätlese Jahrgang 1997 von Fritz Haag. Er duftet nach reifen Äpfeln, Zitronenschale und Parafin. Der Weinberg Juffer-Sonnenuhr in Brauneberg an der Mosel produziert eine Reihe Weltklasse-Weine aus Rieslingtrauben. Ich war selbst mehrmals dort, bin durch die steilen Hänge spaziert und habe gesehen, wie sich die grauknorrigen Weinstöcke in das Schiefergestein bohren. Wenn der Wein noch sehr jung ist, duftet er nach Zitrusfrüchten und frisch gepflückten, grünen Äpfeln. Nach ungefähr fünf Jahren entwickelt sich ein eigenartiges Parafinaroma aus einer Synthese von Rieslingtraube, Klima und Erdreich im Weinberg. Hat der Wein nach richtiger Lagerung dieses Stadium erreicht und dieses ölige Aroma entfaltet, ist er einfach unwiderstehlich, eine fast lebensnotwendige Substanz. Ich rieche bestimmt zehn Mal häufiger am Wein, als dass ich an ihm nippe. Schaue mir seine Farbe an, sowohl in der Mitte des Glases, als auch in den Randzonen, versuche ihn immer wieder mit neuen Augen zu sehen, lasse ihn in gleichmäßigen Abständen im Glas kreisen, um so erneut eine Welle aus Aromastoffen freizusetzen, die ich dann mit einem leisen Schnüffeln inhaliere. Auf diese Weise kann eine Flasche drei Stunden alt werden. Der Alkoholgehalt einer solchen Spätlese beträgt 7 %. Ein Kindergartengetränk.

Musik zum Wein sollte nicht laut gespielt werden. Sie sollte so leise sein, dass sie zwischenzeitlich in den Verkehrsgeräuschen untergeht. Sie sollte mein natürliches Ohrensausen kaum übertönen und nur ein wenig über dem Geräuschniveau der Toiletten und Duschen in der Etage unter mir liegen. Auf jeden Fall sollte man aber noch die Amseln durchs Dachfenster hören können. Musik sollte in solchen Situationen ein gleichberechtigter Teil der Welt sein und nicht die Welt auf den Kopf stellen. Ich diskutiere dieses Thema häufig mit Vladimir, einem der wenigen Menschen, mit denen ich überhaupt Kontakt habe. In dieser Sache ist er grundsätzlich nicht meiner Meinung, doch ab und zu merke ich, dass er ins Schwanken gerät. Vielleicht ist es aber auch der Wein, der ihn gefügig macht.

Meine Wohnung liegt nicht weit von der Universität entfernt und erstreckt sich über zwei Etagen. Der Eingang liegt im vierten Stock. Außer dem Flur gibt es hier einen Raum, den ich als eine Art Arbeitszimmer eingerichtet habe – mit einem Computer und einem Schreibtisch, der mit Weinflaschen, Weinbüchern, Broschüren, Heften und Zeitungsausschnitten überfüllt ist. Vom Flur aus führt eine solide Treppe ins Dachgeschoss, das mehrere andere Räume beherbergt. Unter dem Dach kann es im Sommer lächerlich heiß werden. Bis ungefähr zwei, halb drei am Nachmittag ist es erträglich, aber danach muss ich hinaus oder zur Not in das Zimmer im vierten Stock hinab. In der Regel gehe ich mit Lesestoff und einem gekühlten Riesling in einen der Parks oder fahre mit dem Fahrrad aufs Geratewohl in Gegenden hinaus, die nicht der erstickenden Hitze der Innenstadt ausgesetzt sind. Im Winter kann es in den Räumen dort oben allerdings ziemlich kalt werden, da das Dach nicht isoliert ist. Es ist fünf Jahre her, dass ich hier eingezogen bin, aber ich möchte mit niemandem tauschen. Das Licht, das durch die Dachfenster fällt, ist einzigartig. Ich sehe nur den Himmel und die Kondensstreifen der Flugzeuge, ab und zu einen flatternden Vogel oder einen langsamen Zeppelin, der mit Werbeaufschrift herumfliegt. Und in der Nacht wird die Aussicht unendlich. Das Weinzimmer in der vierten Etage hat einen Balkon, der auf eine viel befahrene Strasse hinausgeht. Aufgrund des Autolärms halte ich es dort nicht lange aus. Spät am Abend jedoch kann man auf dem Balkon gut ein bisschen Luft schnappen.

Die Bewohner der Häuser auf der anderen Straßenseite wecken ein unterschiedlich starkes Interesse in mir. In einem der Fenster sind verschiedene Konstruktionen mit großen Pendeln auf der Fensterbank aufgestellt. Die Pendel sind am unteren Ende befestigt und schwingen von einer Seite zur anderen, wie bei einem altmodischen Metronom. Aus irgendeinem Grund werden diese Pendeluhren ständig hin und her geräumt. Dies erscheint mir ungewöhnlich, da die Gegenstände doch nur zur Zierde dort stehen. Entweder jemand putzt dort ständig Staub und ignoriert die Reihenfolge der Uhren, oder der Nachbar pflegt raffinierte Rituale. Der Gedanke an letzteres lässt sich nur schwer unterdrücken. In einer anderen Wohnung sitzt ein alter Mann im Rollstuhl vor einem Fernsehapparat. Es hat den Anschein, als würde er von seiner Frau gepflegt. Sie kommt ständig mit einem Tablett voller Tassen, Gläser und Teller mit Essen zu ihm hinein. Im Erdgeschoss befindet sich eine klassische Ballettschule, die von einer Dame mit slawisch klingendem Namen geleitet wird. An mindestens fünf Abenden in der Woche herrscht dort große Aktivität. Außerdem habe ich Einsicht in die Wohnung eines Paares Anfang 60, das beim Essen immer in der Küche sitzt und fernsieht. Im Nachbarhaus auf der rechten Seite wohnt ein junges Pärchen: Sie geht gerne mit einem tragbaren Telefon herum und kichert; er sitzt meistens am Computer und sieht sehr ernst aus. Die beiden müssen Studenten sein.

Im Haus auf der rechten Seite wohnt die spannendste Person von allen: die Architektin. Sie ist eine Dame um die 40 und ich nehme an, dass sie zu Hause arbeitet. Sie hat eine zweigeteilte Wohnung, wobei der eine Teil zweifellos als Büro dient. Dort stehen Mengen von roten und weißen Aktenordnern in den Regalen und unter der Decke hängen grelle Neonröhren. Sie sitzt immer so, dass mir ihre rechte Gesichtshälfte zugewandt ist. Wahrscheinlich starrt sie auf ein Zeichenbrett oder einen Bildschirm und macht komplizierte Berechnungen oder sie zeichnet die Gebäude der Zukunft. Natürlich ist es auch möglich, dass sie eine Ingenieurin ist, aber meine Intuition sagt mir, dass es sich bei ihr um eine Architektin handelt. Der Teil ihrer Wohnung, welcher der Strasse zugewandt ist, beherbergt die Küche. Dort hat sie so viel pfiffiges Dekor angebracht, dass ich einfach nicht glauben kann, dass es sich bei ihr um eine Ingenieurin handelt, die einen Blick für Druckrohr- und Abwasserleitungen hat. Ihre Gewürzsammlung im Regal ist beeindruckend, und im Fenster hat sie einen bunten Papagei aus Holz aufgehängt. Der entscheidende Beweis ist jedoch ihre Arbeitszeit. Sie arbeitet nämlich immer nachts. Ihr Profil taucht irgendwann zwischen sechs und sieben Uhr abends im Bürofenster auf. In der dunklen Jahreszeit schaltet sie die Neonröhren ein. Wochentage spielen für sie keine Rolle, es ist eher eine Ausnahme, wenn sie nicht auch am Wochenende arbeitet. Besuch bekommt sie nie, außer einmal, als ein junger Typ mit Brille ihr beim Tragen einer Kommode geholfen hat. Ihre Arbeitszeit ist zu Ende, wenn ich ins Bett gehe, ungefähr um zwei Uhr. Wenn ich so spät noch auf den Balkon gehe, um ein bisschen Nachtluft zu schnuppern oder, was eher selten vorkommt, eine Zigarette zu rauchen, kann ich sehen, dass plötzlich die Neonröhren in ihrem Büro erlöschen. Ingenieure arbeiten nicht nachts. Ihnen fehlt das kleine, aber wichtige Element der Verzweiflung. Ich tendiere deshalb zur Architektin.

Vladimir ist der Ansicht, dass ich nicht oft genug ausgehe und zu wenige Leute treffe. Dort draußen gäbe es eine Welt voller Menschen, denen ich begegnen sollte, meint er. Und so weiter. Aber ich bin mir nicht so sicher, was ich in diesem Zusammenhang eigentlich beisteuern kann. In den letzten Jahren sind so viele Dinge mit meinem Bruder geschehen, dass es mir im Augenblick richtig erscheint, ein wenig zurückgezogen zu leben. Jedenfalls eine Zeit lang. Und treffe ich nicht wirklich schon genug Leute in meiner Weinhandlung? Das ist nicht das gleiche, meint Vladimir. Das ist beruflich, nicht in der Freizeit. Freizeit ist etwas anderes. Freizeit ist freiwillige Einteilung von Zeit. Ja genau, aber bin ich nicht ganz freiwillig und in meiner Freizeit hier oben? Das ist nicht das gleiche, beharrt Vladimir.

Draußen ist es dunkel geworden und auch heute habe ich die Kondensstreifen wieder nicht gefilmt. Zum Abendessen brate ich mir rasch ein bisschen Entenleber mit einigen Stücken frischem Pfirsich und einem Esslöffel Pistazien in Butter. Die Bratzeit beträgt lediglich zwei Minuten. Mit Salz und frisch gemahlenem, schwarzen Pfeffer bestreut, einige Spritzer Zitronensaft und damit basta, fertig. Zwei Scheiben Sauerteigbrot mit schwarzer Kruste in dunkelgrünes Olivenöl von der Nordküste Kretas getaucht. Die Süße des Rieslings vermischt sich mit dem Fruchtzucker des Pfirsichs und verschmilzt mit der in Butter gebratenen Leber und den fettigen Nüssen. Ich habe gerade geduscht, sitze halbnackt auf dem Sofa und kaue mit fast geschlossenen Augen. Die Musik im Zimmer ist kaum hörbar und ich schaffe es nicht, meine Gedanken von den Kondensstreifen loszureißen, die anfangs schmal, straff und zielgerichtet sind. Später beginnen sie irgendwie zu schäumen und zu kochen und werden zu länglich-runden, ovalen Wolken. Am Ende sind sie nur noch dünne Schleier, die gerade noch verraten, dass irgendetwas vor langer Zeit vorbeigeflogen ist. Alles ist dort – nur um einen Hauch verschoben.

(Gyldendal Verlag 2004. Deutsche Übersetzung von Julia Eller
- mit freundlicher Genehmigung des Autors)