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DNJF Leipzig 2012
Veranstalter - Arrangert av

Wahlheimat Köln, WeinheimatMosel


Øivind Hånes veröffentlichte mehrere CDs, Erzählbände und Romane sowie Sachbücher zum Thema Essen&Trinken. Für seinen Roman „Pirolene i Benidorm“ war er 2005 für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert. Auf Deutsch sind bisher zwei seiner Romane erschienen - „Amerikanische Landmaschinen“ und „Permafrost".

Im Anfang war die Landschaft

Nach fast zehn Jahren in Köln habe ich eingesehen, dass ich von Deutschen, denen ich in unterschiedlichen Zusammenhängen begegne, stets folgende Frage gestellt bekomme: Warum ziehe ich es vor, ich in einer lärmenden Stadt wie Köln zu leben, und nicht im schönen und wohlhabenden Norwegen? Dieses nordische Paradies, wo die Luft klar ist wie Kristall und alle Leute Quellwasser trinken, während sie frischen Lachs aus dem Fluss verzehren, der munter neben dem weißbemalten Holzhaus fließt, in dem sie wohnen?

Gute Frage, und wahrlich nicht einfach zu beantworten. Meine Faszination für Deutschland reicht lange zurück: Als 18-jähriger, Ende der 70er Jahre, las ich Günter Grass und Siegfried Lenz. Ich war so eingenommen von der Landschaft, die Lenz in ”Die Deutschstunde” beschreibt, dass ich zweimal in den Sommerferien nach Husum und zu den kleinen Dörfen dort draußen an der Nordseeküste fuhr - in die Gegend also, die Lenz ganz recht ”nördlichsten Polizeibezirk Deutschlands” nennt. Tagsüber ging ich zusammen mit den Schafen endlose Touren auf den windigen Deichen und am Abend saß ich in jugoslawischen Restaurants und aß enorme Fleischgerichte. Mein schönstes Souvenir von dort ist ein Päckchen Kondome, das ich an einem Automaten kaufte. Der Name war ”Pornox”, eine Marke, die bald auslief (vermutlich genauso wie das Haltbarkeitsdatum meiner Exemplare).

Musikalische Reisen und magischer Stillstand

In den 80er Jahren begann ich, Gruppen wie Can, Kraftwerk und DAF zu hören. Ich stellte mir die Frage: Was ist es eigentlich, das mich an Deutschland so fasziniert? 1983 reiste ich mit dem Zug in die DDR und sah zum ersten Mal die enormen Plattenbaugebiete am Rande von Berlin. Das war absolut magisch! Ich fantasierte darüber, in diesen Betonkolossen zu wohnen, beim Sonnen-
untergang alleine vor einem Fenster zu sitzen, mit einer billigen Flasche Pflaumenschnaps, und majestätische, elektronische Musik mit einem Syntheziser zu produzieren. Da war etwas mit dieser Anonymität - von der ich annahm, dass man sie dort drinnen erleben könne - das mich sehr ansprach. Ich bin überhaupt sehr angetan von Stillstand, von Orten, die übrig sind, verlassenen Dörfern, leeren Gebäuden, klaffender Einsamkeit in Menschengemachtem, das dem Verfall überlassen wurde.

Zum Jahreswechsel 1985-86 reiste ich als Musikjournalist nach Hamburg, Köln, Düsseldorf, Amsterdam, Brüssel und Zürich: eine Rundreise mit dem Zug in Städte, in denen Einzigartiges geschaffen wurde. Ich sprach mit vielen Musikern, Komponisten, Produzenten und Plattenlabels, und das Ganze wurde zu einem gigantischen Artikel, der ”Die Winterreise” hieß, in der damals führenden Musikzeitschrift Norwegens.

Im Zeitraum von 1992 bis 1995 verbrachte ich außerdem viel Zeit in Brandenburg. Der englische Gritarrist und Pädagoge Robert Fripp unterhielt im Dorf Großderschau ein Zentrum, in dem er Gitarristen aus der ganzen Welt unterrichtete. Wir gaben unter anderem einige Konzerte in Altersheimen und anderen Institutionen. Das war unmittelbar nach dem Fall der Mauer, und ich werde sie nie vergessen, diese Reisen zu Orten, die einem niemals in den Sinn kämen, als Tourist zu besuchen.

Die Liebe I: eine Oase der Aktivität

Durch all das hatte ich bereits einen gewissen Einblick in das, was man Deutschland nennt, bevor ich 1998 nach Köln zog. Der Grund für den Umzug war einfach und klar: die Liebe. Im Mai 1997 befand ich mich auf Lesereise in Deutschland und der Schweiz und am letzten Tag der Tour spazierte ich geradewegs auf das zu, was sich als meine Zukunft herausstellen sollte - ich begegnete meiner jetzigen Frau. Man weiß wenig darüber, was einen nach der nächsten Kurve erwartet.
Und seitdem wurde ich dieser Stadt mehr und mehr verbunden. Köln ist für mich eine Oase der Aktivität. Jedes Mal, wenn ich mit dem Flugzeug oder dem Zug angereist komme, nachdem ich einige Tage oder Wochen fort aus der Stadt war, fühle ich mich merkwürdig inspiriert: Ich freue mich wie ein Kind darauf, mich hinzusetzen und zu schreiben oder mit Musik zu arbeiten. Ich freue mich, die Straßen entlangzugehen und die Menschen zu betrachten, und die Tiere, Bäume, Gebäude, Geschäfte, Büros, Fassaden, Fenster, Gardinen, Topfpflanzen und absurde Dekorationen.

Die Liebe II: deutscher Wein

Ein andere wichtige Sache, die man erwähnen muss, ist meine Entdeckung von deutschen Weinen, genauer gesagt Riesling, Riesling, Riesling. Bevor ich nach Köln kam, hatte ich ein ziemlich gleichgültiges Verhältnis gegenüber deutschem Wein. Ich meinte, sie seien eine langweilige, pappige, halbtrockene Angelegenheit, für die es sich nicht lohnte, Zeit aufzuwenden. Wie man sich doch irren kann!! Mit Tipps von Freunden, Weinhändlern und Büchern entdeckte ich schnell, dass es hier eine Welt von Weinen gab, die ihresgleichen suchte. Deutscher Riesling erreicht Qualitäten, die ganz einfach unfassbar sind: Sie strahlen von Reinheit, exotischen Früchten, Apfel und Stachelbeere, frischgepresster Limette, stahlharter Mineralität, verführender Süße... und münden langsam in einen Fluß von Säure, der den Mund reinigt, und dich für den nächsten Schluck bereit macht. Deutschland ist vielleicht das am meisten unterschätzte Weinland unserer Zeit.

Freiwilliges Exil

Zum Schluss will ich erwähnen, dass mein freiwilliges Exil auch dazu geführt hat, dass ich weniger schöne Seiten an Norwegen und den Norwegern entdeckte: Ich habe erkannt, wie wahnsinnig selbstzufrieden viele Norweger sind. In welchem anderen europäischen Land gibt es eine rechtspopulistische Partei, die zeitweise Zustimmungsraten von über 30% hat? Das ist total verrückt! Als ich 1998 nach Köln kam, war ich der Ansicht, dass Norwegen sich aus der EU raushalten sollte. Heute finde ich sehr, dass Norwegen viel dadurch gewinnen würde, in einen größeren Zusammen-
hang als den rein nationalen integriert zu sein. So wie es heutzutage ist, denken viele Norweger, dass die Welt ihren eigenen Kurs segeln kann - das enorme Ölvermögen, auf dem das Land sitzt, bewirkt, dass Norwegen nicht besonders abhängig von anderen Nationen ist, um zurechtzukommen: Und dies hat zu einem aggressiven Patriotismus und einem krankhaft großem Egoismus geführt. Norwegen hat sich teilweise zu einem selbstzufriedenen Land der Reichen entwickelt, das seine Nationalsentimentalität zu schrecklichen Höhen aufbläst und es gleichzeitig versäumt, für geistige Anreicherung zu sorgen. So etwas ist gefährlich.

Und da wird der Kontrast zu Köln und Deutschland groß. Diese international orientierte Stadt gibt mir eine Infusion an Freude, Enthusiasmus und Inspiration - mit dem Resultat, dass ich mich heute mehr als Europäer als als Norweger fühle. Die flache Landschaft entlang der steilen Weinberge im Rhein- und Moseltal ist es, die meine Wahl- und Weinheimat geworden ist.

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